P70 Ostrock

Nützt ja nischt!

Ostrock-Lexikon K-N

Karat

Am 22.02.1975 gaben Karat ihr erstes Konzert in Pirna. Die Musiker sind schon bekannt, denn Ulrich „Ed“ Swillms, Herbert Dreilich und Henning Protzmann, die Gründer der Band, haben sich schon bei Panta Rhei einen guten Namen erspielt. Ed und Herbert kennen sich bereits seit 1969, als Herbert von den Puhdys (kurze Zeit für Dieter Hertrampf) zu den Alexanders kam. Zusammen mit Henning waren sie dann die „Seele“ von Panta Rhei. Panta Rhei erfüllte noch bis Mitte 1975 die vertraglichen Verpflichtungen und löste sich dann auf. „Wir wollten eine andere Musik machen, sahen im Panta Rhei-Konzept Grenzen“, so Dreilich zur Auflösung. Karat soll eine breitenwirksamere Musik machen, war doch die Musik von Panta Rhei sehr Jazz-orientiert. In Joachim „Neumi“ Neumann glaubten sie auch einen Sänger gefunden zu haben, der mehr als nur Gesang von der Bühne herunterbringt: Spaß und Show. 1977 stieg er aus und gründete Neumis Rock Circus. Den Vocalpart übernimmt ab jetzt Herbert Dreilich.
Im September 1979 durfte Karat das erste mal in den Westen, ins Westberliner Kantkino. Unter den Zuhörern war Peter Schimmelpfennig, Chef der Plattenfirma „Pool“. Durch seinen Einfluss kam kurze Zeit später die LP „Albatross“ (Übernahme der „Über sieben Brücken“-LP) auf dem bundesdeutschen Markt. Im West-TV durfte Karat nach Anordnung staatlicher DDR-Stellen jedoch nicht. Peter Maffay nutzte die Lücke, indem er den Hit „Über sieben Brücken“, den er im Radio gehört hatte, coverte und damit einen Riesenerfolg hatte.

Karussell

Entstanden ist Karussell im April 1976 durch Umbildung der Leipziger Amateurformation Fusion und der durch Verbot bedingten Auflösung von Renft. Musikalisch trat Karussell für viele das „Erbe“ von Renft an. Ihre Lieder gelten als Meilensteine der DDR-Rockgeschichte. Texte schreibt zumeist Kurt Demmler. Spätere Hits waren „Autostop“ und „Ehrlich will ich bleiben“. 1983 ging Gläser, um seine eigene Band zu gründen. Dafür kamen Lutz Salzwedel (voc, g, Ex-Passion) und Tom Leonhardt (g, keyb ). Beide Musiker „verließen“ die Gruppe aber kurze Zeit später gen Westen. 1985 kam Dirk Michaelis zu Karussell und bescherte der Gruppe mit seinen Kompositionen ein Comeback. 1991 ging die Band auseinander. Am 20.09.2007 feierte die Band ihr Comeback in Leipzig.

Keimzeit

Die Band wurde 1982 gegründet und spielte sich schnell eine große Fangemeinde ein. Frontmann Norbert Leisegang begann Songs mit deutschen Texten zu schreiben. Das trug stark zum Erfolg der Band bei. In den 1980er Jahren spielte die Band auf tausenden Konzerten mit teilweise mehr als 5 Stunden Spieldauer! Die Auftritte erfolgten hauptsächlich in Dorfkneipen mit ihren alten Veranstaltungssälen. Stilistisch war die Musik der frühen Jahre typischer DDR-Bluesrock, der durch die teilweise sehr poetischen Texte seine spezielle Note erhielt.

Reinhard Lakomy

Spielte Piano bei Klaus Lenz und war von 1967 bis 1972 bei Günter Fischer. 1972 gründete Lakomy sein eigenes Ensemble und wurde damit Interpret seiner eigenen Titel. Die erste Solo-LP erschien dann 1973 mit. Es entstanden Lieder wie ”Heute bin ich allein”, ”Es war doch nicht das erste mal”, ”Sie hat ein Kind”, ”Das Haus wo ich wohne” u.v.a. Für den ausscheidenden Biebl, der zu Veronika Fischer wechselte, kam Dieter Kopf und die Sängerinnen wurden auf Angelika ”Lütte” Mann reduziert. Nach der vierten LP zeichnete sich ab, dass Lakomy fortan nur noch komponieren wollte und es erschienen 1978 und 1980 zwei Platten mit Kinderliedern.

Lift

Hervorgegangen aus dem Dresden-Sextett, stellte man sich am 28.01.73 als Lift vor. Die Gruppe spielte Blues, Soul und Gospel mit Bläserbesetzung. Man trennte sich Ende 73 von den Bläsern, Schlund ging ebenfalls. Für ihn kam Trepte von electra. 1974 ging Bartzsch zu Veronika Fischer. Erste große Hits entstanden in der oben genannten 75er Besetzung: ”Mein Herz soll ein Wasser sein”, ”Soldat vom Don”, ”Tochter Courage”. 1977 erschien bei Amiga die erste Lift-LP. Erfolgreich wurde die erste Single mit ”Wasser und Wein” und ”Jeden Abend”. Für Trepte, der zu Reform wechselte, kam Henry Pacholski. Einschneidend für die Band war 1978 ein schwerer Autounfall, bei dem Zacher und Pacholski tödlich verunglückten. Werter Lohse stellte 1979 eine neue Band zusammen und man spielte die zweite LP ”Meeresfahrt”, mit dem Hit ”Nach Süden” ein. 1981 kam die dritte LP und der Hit ”Am Abend mancher Tage”. 1987, mit völlig neuer Besetzung, wurde die vierte LP bei Amiga eingespielt. Werter Lohse nahm mit der 1995er Besetzung die CD ”Best of Lift” auf. Heute tourt Lift mit der Stern Combo Meißen und electra als „Sachsendreier“ erfolgreich durch die Lande.

Mugge, Mucke oder doch Mukke?

Die Mugge ist durchaus kein Kind der heutigen Zeit, sondern seit Jahrzehnten bei Musikern vorwiegend in Ostdeutschland in Gebrauch. Mugge ist die umgangssprachliche Kurzbezeichnung für ein

MUsikalisches GelegenheitsGEschäft“.

Dieses dem Begriff zugrunde liegende „Musikalische Gelegenheitsgeschäft“ entstammt einer ostdeutschen Honorarordnung. Musiker haben bekanntermaßen ihren eigenen Humor und so wurde der behördliche Sprachgebrauch abkürzend zur Mugge.
Dabei ging es zur damaligen Zeit um einen eher ungeliebten Einsatz von klassischen Musikern, pardon E-Muggern. Gelegenheitsauftritte, Seniorenveranstaltungen, Aushilfen bei anderen Orchestern bedeuteten oft Engagements unterhalb des eigenen musikalischen Niveaus sowie mit niedriger Popularität. Deshalb entsprach der Begriff auch einer eher abwertende Bezeichnung für Musikerjobs.

Seine sprachliche Renaissance erreichte die Mugge dann in den 70ern mit der Etablierung der ostdeutschen Bandszene. Diese war riesig – zigtausende Amateur- und Profibands zogen jedes Wochenende in die Kulturhäuser ein – zur Mugge, dem heiligen Gral.
Das musikalische Anliegen entsprach dabei unterschiedlichster Couleur, die Gruftmugge fand zu Beerdigungen statt, eine Benefizveranstaltung wurde zur Sozialmugge. Bleibt das Finanzamt außen vor, spielt man eine Schwarzmugge. Ist der Auftritt besonders gelungen oder gut bezahlt, redet man von einer Edelmugge. Musikalische Begleitungen zu Banketts wurden zur Löffelmugge. Und die Crème der Ost-Rockbands wie Karat, Puhdys, Karussell, Brigitte Stefan & Meridian usw. erhielten manchmal Ausnahmegenehmigungen für Westmuggen, ein Privileg, welches den meisten Künstlern vorenthalten wurde. Heute wie damals ungeliebt sind Billigmugger, die mit Dumpingpreisen eine vernünftige existentielle Grundlage für Kollegen zerstören.
Die Mugge war nun längst salonfähig und allmählich durchtränkte der Begriff alle Teile der Unterhaltungskunst. Auch Artisten und Diskotheker waren letzendlich zur Mugge unterwegs.
Im westlichen Teil Deutschlands dagegen war der Begriff eher unbekannt, hier fuhr man zum Gig. Torsten, P70-Bassist, tourte in den 80ern mit Brigitte Stefan durch die alte Bundesrepublik und hat mit viel Vergnügen Übersetzungs- und Aufbauarbeit bezüglich des Kontext der Mugge geleistet.
Wie kommt es nun zur unterschiedlichen Schreibweise? Die einfachste Erklärung ist wohl, daß die Kenntnis über die ursprüngliche Herkunft unbekannt oder verloren gegangen ist. Und so schreibt man, wie man spricht.
Allerdings ist man auch fleißig bemüht, im Nachhinein die Mucke zu etablieren und über Konstrukte in Anlehnung an die eigentliche Entstehung diese Schreibweise zu begründen. Und so kommt es zu abenteuerlichen Erklärungsversuchen wie „Mu(c)ke“ als „Musikalisches KleinEngagement“. Eine weitere Interpretation findet sich im Wort „Mukke“, dieses kommt aus dem Rotwelsch (einem mittelalterlichen Jargon) und bedeutet ursprünglich „Bettelei“ (mit Straßenmusik). Einige Wörterbücher erläutern den Begriff als eine Dialektform von Mucke, welches sich vom englischen muck (Mist, Dreck, Drecksarbeit) ableitet. Der Autor war mit Sicherheit Nichtmusiker.
Wohl jedem geläufig ist die Mucke im eigentlichen Sinn als Synonym für Aufbegehren (aufmucken) aber auch Flausen, Kinkerlitzchen, Launen oder Marotten.
Noch ein kleines Bonbon: im switzerdütschen Dialekt sprechen die Kiddies beim muggen vom klauen und stehlen. Von weiteren Erklärungsversuchen frei ist übrigens auch nicht das Original. Als Ursprungsbasis dient mitunter „Musikalische Unterhaltung gegen geringes Entgelt“, „Musikalische Gelegenheit gegen Entgelt“ oder „Musik gegen Geld“.
Mittlerweile hat sich die Bedeutung im alltäglichen Sprachgebrauch komplett gewandelt. Heute steht die Mucke für Musik im Allgemeinen, tendentiell auch für Ereignisse. Im Gegensatz dazu sind Musiker Ost wie West zum Gig unterwegs.
Wie auch immer – die Mugg|ck|kke ist ein schönes Beispiel für die Wandlungsfähigkeit von Sprache und Begriff.

Thomas Natschinski & seine Gruppe

Team 4 wurde im Herbst 1964 gegründet. Mit Natschinski hatte man einen Hauskomponisten und mit König, dem späteren stellvertretenden Minister für Kultur, den entsprechenden Texter. 1965 mussten auch Team 4 ihren englisch klingenden Namen ablegen und nannten sich Thomas Natschinski und seine Gruppe. 1967 wurde die erste LP bei Amiga eingespielt „Die Straße“. Eine echte Beat-Platte mit einfachen Melodien und zeitgemäßen DDR-Texten. Die Platte ist ein Zeitdokument geworden. Eine nächste LP sollte erst drei Jahre später unter dem Namen „Geschichten“ folgen. Hatte diese Platte 1970 noch den Charme der Vorgänger-LP und mit z.B. der „Mokka-Milch-Eisbar“ auch einen DDR-Hit, präsentierte die Gruppe 1971 mit ihrer dritten LP „Wir über uns“ nur noch „Arbeiterlyrik“. Die Titel hießen nicht mehr „Josephine“ oder „Student in einer fremden Stadt“, sondern „Unten auf dem Feld“, „Auf dem Bau“ und „Arbeitstag fängt an“. Die Band löste sich 1973 auf , da Natschinski kompositorisch tätig sein wollte. Der Rest gründete Brot & Salz.

Neumis Rock Circus

Eine Mischung aus Zirkus, Rockmusik, Clownerie und Kabarett war das überaus erfolgreiche Konzept der 1979 zu großen Teilen aus der Band Neue Generation hervorgegangenen Gruppe. Kurze Zeit nach Gründung der Band kam Ingo Politz (dr) für Mischna. NRC war eine der interessantesten Bands der frühen 80er. 1983 verließ Neumi das Land und beendete damit die Existenz der Band.